Agentur Tatwort: Interview mit Sabrina Haja
Sabrina Haja studierte Literaturwissenschaft und sammelte Berufserfahrung in den Bereichen Theater, Film und Verlag, bevor sie 2021 ihre eigene Agentur Tatwort gründete. Am 4. Dezember 2025 gab sie Geschichten auf Kurs ausführlich Auskunft über verschiedene Aspekte ihrer Arbeit.
Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus?
Mein Arbeitsalltag ist eine Mischung aus kreativem Chaos, strategischem Denken und sehr viel Kommunikation. Morgens starte ich meist mit einer Tasse Kaffee und dem Blick in meine Postfächer: Agentur, Schreibende, Verlage, Lektorate. Danach geht es querbeet: Vertragsverhandlungen, Exposés überarbeiten, Manuskripte prüfen, Pitch-Material erstellen, Todos für meine Autor:innen, Telefonate oder Beratungsstunden.
Gerade durch meine Formate wie die Agentursprechstunde oder Klartext mit der Agentin bin ich zusätzlich viel im Austausch mit Schreibenden, die Orientierung im Veröffentlichungsprozess suchen – etwas, das mir unglaublich viel Freude macht.
Und zwischendurch versuche ich, meinen eigenen Kalender zu bändigen. Es ist jeden Tag anders – und das liebe ich.
Wie viele Manuskript erhältst Du pro Woche, und wie viele davon sind Romane?
Dadurch, dass ich auf meiner Website regelmäßig transparent mache, wann ich aktiv suche und wann nicht, ist das Einsendevolumen insgesamt deutlich zurückgegangen, was ehrlich gesagt eine enorme Entlastung ist. Trotzdem erreichen mich pro Woche immer noch mindestens zehn Projekte, manchmal mehr.
Der Großteil davon sind Romane, ich würde sagen rund 80 Prozent und quer durch alle Genres. Sachbuch- oder Ratgebertitel sind deutlich seltener dabei; da komme ich vielleicht auf wenige Einsendungen pro Woche. Aber Romane? Die landen zuverlässig in meinem Postfach: von Romance bis Thriller, von literarischer Gegenwart bis Fantasy.
Wie gehst Du bei der Auswahl vor? Entscheidest Du nach dem ersten Durchlesen des Probetextes, ob Du das vollständige Romanmanuskript anforderst, oder überlegst Du in manchen Fällen länger?
Ich lese die Probetexte in der Regel quer, um schnell ein Gefühl zu bekommen: Ton, Figuren, Tempo, Satzbau, Authentizität. Wenn mich etwas sofort packt, sei es die Stimme oder ein ungewöhnlicher Ansatz, fordere ich schnell das komplette Manuskript an.
Natürlich spielt mein Bauchgefühl auch eine große Rolle – ich muss die Stimme mögen, den Flow spüren und irgendwie emotional andocken. Aber: Ich entscheide nicht nur nach Gefühl. Ein Projekt kann noch so schöngeschrieben sein – wenn ich mir nicht sofort ein paar Verlage vorstellen kann, denen ich das realistisch und mit gutem Gewissen schicken würde, dann weiß ich: Ich bin raus.
Welche Kriterien sind für Dich dabei entscheidend?
- eine authentische Stimme, die wiedererkennbar ist
- starke Figuren, die nicht austauschbar sind
- ein klarer Plotbogen
- ein Thema, das relevant, frisch oder emotional berührend ist
- handwerkliche Sicherheit
- und – ganz wichtig – die Vermarktungsfähigkeit: Lässt sich das Projekt im heutigen Buchmarkt realistisch platzieren?
Aus welchen Gründen könntest Du einen Roman, der Dir gefällt, dennoch ablehnen?
Das kommt tatsächlich vor. Dann mag ich privat das Buch wirklich gern, aber ich weiß gleichzeitig, dass es verlagstechnisch schwer unterzubringen wäre. Das kann verschiedene Gründe haben: Vielleicht ist der Markt gerade übersättigt oder das Genre insgesamt schwierig verkäuflich. Manchmal ist die Zielgruppe zu klein oder nicht klar genug definiert, oder das Projekt bräuchte so viel Entwicklungszeit, dass ich das in meinem Agenturalltag schlicht nicht leisten kann. Und manchmal sehe ich einfach keinen passenden Verlag dafür – und dann nehme ich ein Projekt auch nicht an, selbst wenn ich es persönlich toll finde. Ich arbeite nur mit Texten, bei denen ich eine realistische Chance sehe. Gerade weil ich viele Debüts erfolgreich platziere, weiß ich, wie wichtig dieses Matching ist.
Was geschieht, nachdem Du einen neuen Romanautor angenommen hast? Lektorierst Du das Manuskript bzw. gibst Empfehlungen für die Überarbeitung?
Nachdem ich eine neue Autorin bzw. einen neuen Autor angenommen habe, schauen wir zuerst, wie arbeitsintensiv das Projekt wirklich ist. Manche Texte brauchen kaum mehr als ein professionelles Korrektorat, bevor ich sie guten Gewissens an Verlage schicken kann. Andere Manuskripte müssen noch an ein paar Stellen geschliffen und nachjustiert werden: Plot, Figuren, Dramaturgie, Ton, manchmal der Einstieg. Das ist ganz individuell und hängt davon ab, wie viel Arbeit noch im Text steckt und wie „verlagsfit“ er bereits ist.
Dann geht es außerdem ans Exposé, denn das ist für die Verlage eben auch eine gute Orientierung: Was erwartet sie inhaltlich? Wie ist der Bogen? Wo steht das Projekt im Markt? Ein gutes Exposé macht oft den entscheidenden Unterschied, daher feilen wir dort gemeinsam am intensivsten, bevor es dann in die eigentliche Pitchphase geht.
An wie viele Verlage schickst Du (durchschnittlich) ein fertiges Romanmanuskript?
Da gibt es tatsächlich keine pauschale Antwort. Manche Projekte sind so groß, so breit aufgestellt oder so klar im Mainstream verortet, dass ich sie an eine ganze Reihe von Verlagen schicken kann. Und dann gibt es Projekte, die thematisch sehr speziell sind, zum Beispiel spirituelle Stoffe oder etwas nischigere Genres. Da reduziert sich die Liste automatisch auf eine sehr gezielte Auswahl, weil einfach nicht jeder Verlag solche Themen macht.
Ich arbeite immer maßgeschneidert, nicht nach Schema F. Genau deshalb schätzen viele Verlage meine Pitches so, weil sie wissen, dass sie keine Streuschüsse sind.
Wie lange kann es dauern, bis sich dafür ein Verlag gefunden hat?
Auch hier gibt es wirklich keine pauschale Antwort. Die Spanne reicht von einer Woche bis hin zu einem Jahr – alles schon vorgekommen. Und klar: Je länger ein Projekt liegt, desto schwieriger wird es, nachzufassen und tatsächlich noch das Ganze unterzubekommen. Aber manchmal ist genau das der Fall: Ich habe zum Beispiel ein Buchprojekt auf der Frankfurter Buchmesse 2024 angeboten und jetzt, ein Jahr später, gerade den Vertrag gemacht. Das Buch erscheint dann im Herbst 2026.
Es hängt einfach stark von den Programmplänen, der Ausrichtung der Verlage und dem jeweiligen Genre ab. Im Sachbuchbereich bewegen sich Entscheidungen oft deutlich schneller, während Romanprojekte mehr Zeit brauchen können.
Eine echte Faustregel gibt es nicht. Ich versuche immer, ein Projekt so zügig wie möglich unterzubringen, aber manchmal hat der Markt einfach sein ganz eigenes Tempo.
Bei wie vielen Romanmanuskripten klappt dies nicht, und was geschieht dann?
Eine konkrete Zahl kann ich dafür tatsächlich nicht nennen, dafür sind Projekte, Genres und Marktphasen viel zu unterschiedlich. Was ich aber sagen kann: Ich bin sehr hartnäckig und habe einen langen Atem. Wenn ich ein Projekt annehme, dann, weil ich daran glaube und weil ich realistische Chancen sehe.
Trotzdem gibt es Fälle, in denen es am Ende nicht klappt. Dann liegt das meist nicht am Text selbst, sondern an Programmlücken, übervollen Listen oder Markttrends. In solchen Situationen spreche ich offen mit der Autorin oder dem Autor über die Optionen:
Manchmal lohnt sich eine Neuausrichtung oder Überarbeitung, manchmal ist es sinnvoll, das Projekt ruhen zu lassen und etwas Neues zu schreiben und manchmal ist Selfpublishing eine echte Alternative, je nach Genre.
Was hältst Du von Selfpublishing als Alternative?
Selfpublishing ist keine „Notlösung“, sondern ein eigener, professioneller Veröffentlichungsweg, der für bestimmte Genres extrem gut funktioniert, vor allem Romance, New Adult, Fantasy, Cozy Crime.
Wer SP macht, muss allerdings bereit sein, Marketing, Branding und Community-Arbeit konsequent zu übernehmen. Für einige Autor:innen ist das ein großartiger Weg, für andere nicht. Beides ist völlig valide.
Und was gefällt Dir am besten daran, Literaturagentin zu sein?
Das Schönste ist der Austausch mit so vielen unterschiedlichen Menschen. Ich lerne Schreibende, Lektorinnen, Programmleitungen, Kreative und Visionäre kennen, Menschen, denen ich in anderen Berufen wahrscheinlich nie begegnet wäre.
Und dann die unglaubliche Vielseitigkeit: Verträge verhandeln, Veröffentlichungen begleiten, Strategien entwickeln, um Bücher sichtbar zu machen, Buchkonzepte mitgestalten, Pitches schärfen, Texte entwickeln …
Diese Mischung aus Kreativität, Strategie und Branchenexpertise macht meinen Job, egal ob als Agentin oder Beraterin, zu genau dem, was ich liebe. Kein Tag ist wie der andere – und ich kann Autor:innen nicht nur begleiten, sondern ihre Geschichten sichtbar machen, den passenden Verlag für sie finden und dabei helfen, dass ihre Texte genau die Leserinnen und Leser erreichen, die sie berühren sollen.
Herzlichen Dank für die interessanten und wertvollen Einblicke in Deine Arbeit als Literaturagentin, liebe Sabrina! Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg.
Die Agentur Tatwort freut sich über Ihren Besuch auf ihrer Website oder ihrem Instagram-Kanal.
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